Ostfildern-Nellingen. Die Kita-Landschaft im Stadtteil Nellingen steht vor tiefgreifenden Veränderungen und einer strukturellen Neuausrichtung. In seiner Sitzung am 17. Juni 2026 hat der Gemeinderat eine weitreichende Bedarfsplanung ab dem Jahr 2027 beschlossen. Die Stadtverwaltung reagiert damit auf eine aktuelle Bevölkerungsprognose auf Basis der Zahlen von 2025: Für die Jahre 2035 bis 2040 wird im Stadtteil mit spürbar rückläufigen Kinderzahlen im Korridor von 10 % bis gut 16 % gerechnet. Dies entspricht einem langfristigen Rückgang von bis zu 40 Kindern im U3- und rund 50 Kindern im Ü3-Bereich. Vor diesem Hintergrund wurden die ursprünglichen Pläne für zwei Neubauten mit insgesamt zehn Gruppen (Standorte Wettenhart- und Uhlandstraße) gestoppt und neu bewertet.
Das Aus für die „Kinderwelt“ und der geschlossene Wechsel
Akuter Handlungsbedarf besteht bei der Kita „Kinderwelt“. Die als Provisorium konzipierten Container am Campus haben ihre temporäre Nutzungsdauer deutlich überschritten. Laut Gebäudemanagement ist ein Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen und wegen steigender Instandhaltungskosten nur noch bis zum Sommer 2027 vertretbar; für das Kindergartenjahr 2026/27 sichert die Stadt den Bauunterhalt ab.
Die Auflösung der Einrichtung zum 31. August 2027 bedeutet zunächst den Verlust von zwei Ü3-Gruppen. Um den Übergang für Familien so schonend wie möglich zu gestalten, wurde bereits bei der großen Platzvergabeunde im April 2026 sichergestellt, dass alle verbleibenden Kinder geschlossen in die Kita „Riegelhof“ wechseln können. Der Riegelhof wird dafür räumlich um eine halbe Gruppe erweitert.
Die Personalfrage und der Zeitplan
Der erweiterte Betrieb im Riegelhof erfordert neue Personalressourcen, die jedoch unter dem Strich unter dem Bedarf der bisherigen Kita Kinderwelt liegen werden. Die Anpassung des Stellenplans ist für das Haushaltsjahr 2028 vorgesehen. Um das Vorhaben abzusichern, hat die Stadt den pädagogischen Mitarbeitenden der „Kinderwelt“ das Angebot gemacht, gemeinsam mit den Kindern in den Riegelhof zu wechseln. Die individuellen Rückmeldungen des Personals hierzu werden bis September 2026 erwartet. Sollten Stellen unbesetzt bleiben, wird die Stadt den Riegelhof bei der Personalgewinnung priorisieren – hierfür sieht die Verwaltung bis zum Sommer 2027 ausreichend Vorlauf.
Kompensation durch den Scharnhauser Park und langfristiger Neubau
Trotz der Erweiterung des Riegelhofs verbleibt in Nellingen ein kurzfristiges Defizit von etwa 30 Ü3-Plätzen. Zum Ausgleich soll in der Kita „Am Baumhain“ im Scharnhauser Park eine derzeit wegen Personalmangels stillgelegte Gruppe reaktiviert werden. Auch diese Einrichtung wird bei der Personalgewinnung fortan priorisiert. Da die Kita Baumhain in klar abgegrenzten Gruppen arbeitet, kann dort eine feste Gruppe überwiegend aus Nellinger Kindern gebildet werden, was pädagogische Vorteile bietet.
Perspektivisch verliert Nellingen durch den Umzug des „Kinderhauses Ostfildern e.V.“ nach Scharnhausen und die marode Bausubstanz der Kita „Blütenzauber“ (Träger: IN VIA) weitere vier Ü3-Gruppen. Insgesamt fallen im Stadtteil somit sechs Ü3-Gruppen weg. Da eine Gruppe aufgrund der sinkenden Geburtenraten künftig ohnehin nicht mehr benötigt wird, plant die Verwaltung, fünf Gruppen dauerhaft zu kompensieren. Da zudem eine Krippengruppe (U3) in Nellingen fehlt, empfiehlt die Stadt aus Gründen der Bau- und Betriebswirtschaftlichkeit den Neubau einer zentralen, sechsgruppigen Einrichtung an der Uhlandstraße 83. Der alte Alternativstandort „Wettenhart“ wird fallengelassen, bleibt aber als langfristige Landreserve bestehen.
Eine vom Gebäudemanagement in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie soll noch im laufenden Kalenderjahr 2026 klären, ob der Neubau an der Uhlandstraße bei laufendem Betrieb, in Abschnitten oder mithilfe einer Interimslösung realisiert werden kann. Auf Basis dieser Ergebnisse wird dem Gemeinderat im Jahr 2027 der finale Baubeschluss vorgelegt.
Die Stellungnahmen der Fraktionen
SPD-Fraktion (S. Sekler-Dengler)
Die SPD trägt die Neuordnung unter Bedingungen mit. Die Schließung der maroden Container der „Kinderwelt“ sei wegen baulicher Mängel unumgänglich. Positiv sei die geschlossene Überleitung in den „Riegelhof“. Dass Nellinger Kinder künftig in den Scharnhauser Park pendeln müssen, widerspreche zwar dem Prinzip „kurze Beine, kurze Wege“, sei aber als Übergang vertretbar. Entscheidend ist der SPD, dass die Verwaltung die Personalgewinnung intensiviert, da die Maßnahmen sonst fehlschlagen. Zudem fordern sie eine transparente Information der Familien und die zügige Planung des Neubaus „Blütenzauber“. Die Fraktion wirft die Frage auf, ob auch die Kindertagespflege U3 künftig in die institutionelle Bedarfsplanung einfließt.
B’90/Die Grünen (Thorsten Hornung)
Die Grünen betonen, dass die Situation durch fehlende Plätze bereits jetzt hart sei, sich aber vorübergehend noch verschärfen werde. Der Plan der Verwaltung sei dennoch die bestmögliche Option. Die Entscheidung, eine eigene Gruppe für die Nellinger Kinder im Scharnhauser Park einzurichten, hält die Fraktion für richtig. Da die Kinder im selben Viertel wohnen, bleiben so die Freundschaften in der Nachbarschaft erhalten, was später auch den gemeinsamen Start in die Grundschule erleichtert. Zwar führe die Distanz zu mehr Autoverkehr, doch lasse sich die Strecke gut per Rad oder ÖPNV bewältigen. Für die Zukunft fürdern die Grünen ein hohes Tempo beim Neubau in der Uhlandstraße. Die Fraktion stimmt zu.
FDP-Fraktion (Joachim Werner)
Die FDP bezeichnet die Betreuungssituation in Ostfildern weiterhin als kritisch. Die baulichen Mängel der „Kinderwelt“ hätten laut Fraktion früher erkannt werden müssen, um Einschränkungen für Kinder und Betreuer zu verhindern. Dennoch unterstützt die FDP den vorliegenden Plan als praktikabel und durchdacht. Die geschlossene Verlegung in den „Riegelhof“ und die Reaktivierung im „Baumhain“ seien sinnvoll. Die größte Hürde bleibe der Fachkräftemangel; man hoffe, dass das Bestandspersonal den Wechsel mitvollzieht. Gerüchte über gezielte Sparmaßnahmen der Stadt bei der Kinderbetreuung weist die FDP zurück – diese Vorlage beweise die hohe Priorität des Themas. Die Fraktion stimmt allen Punkten zu.
Freie Wähler (Markus Dinkelacker)
Die Freien Wähler begrüßen die Bedarfsplanung ausdrücklich und loben den Blick der Verwaltung auf die wirtschaftliche Realität. Besonders positiv bewerten sie, dass die ursprünglichen Planungen für zwei Neubauten gestoppt und flexibel angepasst wurden. Diese Kostenkontrolle und das Augenmaß bei Investitionen habe die Fraktion schon länger eingefordert. Die Nutzung vorhandener Kapazitäten im „Riegelhof“ und im „Baumhain“ sei eine pragmatische, verlässliche Lösung für die Familien. Auch die Kontinuität für das pädagogische Team beim Wechsel wird begrüßt. Die Machbarkeitsstudie für die Uhlandstraße schaffe nun eine solide Datengrundlage vor dem finalen Baubeschluss. Die Fraktion stimmt zu.
CDU-Fraktion (Sonja Fleischhacker)
Die CDU sieht die Auflösung der „Kinderwelt“ aufgrund der überschrittenen Nutzungsdauer als sachgerecht an. Sie lobt die verlässliche Anschlusslösung im „Riegelhof“, die Familien Stabilität und dem Personal eine Weiterbeschäftigung bietet. Angesichts weiterer wegfallender Plätze im Stadtteil sei die Interimslösung im Scharnhauser Park ein vertretbarer Kompromiss. Da die Prognosen langfristig sinkende Kinderzahlen zeigen, hält die CDU die Verkleinerung des geplanten Neubaus von zehn auf sechs Gruppen für absolut nachvollziehbar. Für das neue Gebäude an der Uhlandstraße fordert die Fraktion jedoch eine flexible Raumnutzung, um auf zukünftige Bedarfe reagieren zu können. Die CDU-Fraktion stimmt zu.

