Landeskommandeur vor 90 Gästen in Ostfildern
Bundeswehr: „Der Krieg geht uns alle an“
Kapitän zur See Michael Giss warnte im Stadthaus vor Russlands hybridem Krieg und forderte eine widerstandsfähige Gesellschaft. Deutschland müsse im Ernstfall als Drehscheibe für den NATO-Aufmarsch funktionieren – mit Folgen auch für Kommunen, Kliniken und Infrastruktur.
Wie sorgt Deutschland künftig für seine Sicherheit? Diese Frage lockte am Mittwoch, 16. September 2026, mehr als 90 Besucherinnen und Besucher ins Stadthaus Ostfildern – so viele, dass zusätzliche Stühle gebraucht wurden. Der CDU-Stadtverband Ostfildern und der Bundestagsabgeordnete Dr. David Preisendanz hatten Kapitän zur See Michael Giss eingeladen, den Kommandeur des Landeskommandos der Bundeswehr in Baden-Württemberg.
Angriffe unter der Oberfläche
Verteidigungspolitik sei längst kein Nischenthema mehr, sondern beschäftige die Mitte der Gesellschaft, war der Tenor des Abends. Giss beschrieb die Lage so: Im Alltag erlebten die Bürger Normalbetrieb, doch unterhalb dieser Oberfläche greife ein Gegner bereits an. Gemeint ist Russlands hybride Kriegsführung – von Desinformation über Cyberattacken bis zu Drohnenflügen über kritischer Infrastruktur.
Krisen in verschiedenen Weltregionen hingen eng zusammen, regelbasierte Ordnungen seien weggebrochen, gegenseitige Abhängigkeiten dagegen gewachsen. Den Krieg in der Ukraine wertete der Marineoffizier nicht als vorübergehende Erscheinung: Auch ein Frieden im Donbass werde Putin nicht stoppen, solange ihm niemand Grenzen setze. Sein Fazit: „Die Maschine Deutschland muss im Verteidigungsfall funktionieren!“
Verteidigung lässt sich nicht auslagern
Dafür brauche es mehr als neues Material für die Truppe, betonte Giss. Ebenso wichtig sei eine widerstandsfähige Gesellschaft: „Der Krieg geht uns alle an.“ Ohne den Verteidigungswillen der Bevölkerung könne die Bundeswehr nicht durchhalten – die Verteidigung lasse sich nicht einfach an die Streitkräfte abgeben. Unter dem Stichwort Gesamtverteidigung fasste er neben dem Militärischen auch die zivile Seite zusammen: eine arbeitsfähige Verwaltung, intakte Infrastruktur und stabile Versorgung, gerade angesichts anfälliger Lieferketten und weniger Krankenhäuser.
Drehscheibe für die NATO
Im Fall eines Konflikts mit Russland komme es weniger auf die Zahl der Bataillone in Osteuropa an, sagte Giss, sondern darauf, dass Deutschland den Aufmarsch des Bündnisses stemme. Als „Drehscheibe“ müsse das Land binnen eines halben Jahres zusätzlich rund 200.000 Militärfahrzeuge und 800.000 Soldaten Richtung Osten bringen. Hinzu kämen täglich etwa 1.000 Verwundete, die hierzulande medizinisch versorgt werden müssten. Sabotage an der Infrastruktur sei vor diesem Hintergrund kein Zufall.
Zivilschutz als gemeinsame Aufgabe
Handlungsbedarf sieht Giss neben der raschen Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr auch im Föderalismus: Lagebilder unterschieden sich, der Zivilschutz sei uneinheitlich organisiert. Lob fand er für das Land Baden-Württemberg, das ressortübergreifend an der zivilen Verteidigung arbeite. Als Beispiele nannte er den verpflichtenden jährlichen Aktionstag zum Katastrophenschutz, der mindestens mit allen sechsten Klassen stattfinden muss, einen beschleunigten Bau neuer Kasernen und Regeln für Militärfahrzeuge im Straßenverkehr.
Preisendanz: Mehr Verantwortung übernehmen
Die bundespolitische Einordnung übernahm Dr. David Preisendanz. Als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt müsse Deutschland mehr Verantwortung tragen und für Europa die Rolle übernehmen, die lange die USA ausgefüllt hätten. „Wir müssen uns verteidigen können, damit wir uns nicht verteidigen müssen“, sagte der Abgeordnete. Die Bundesregierung wolle deshalb die Verteidigungsausgaben von 43 Milliarden Euro im Jahr 2019 binnen zehn Jahren auf 160 Milliarden Euro steigern. Das zeige, dass Verteidigungsfähigkeit wirtschaftliche Stärke voraussetze.
Prof. Dr. Ulrike Berger-Kögler, Vorsitzende des CDU-Stadtverbands und Gemeinderätin in Ostfildern, warb für eine offene Diskussion, auch wenn die Themen unangenehm seien oder Angst machten. Bei ziviler Verteidigung, Katastrophenschutz und Logistik stünden die Kommunen an vorderster Front.
Quelle: Wahlkreisbüro Dr. David Preisendanz MdB / CDU-Stadtverband Ostfildern