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Zwei Blickwinkel, ein Abend: Das hast du im Hirsch verpasst

Auf einem Benefizessen kaufen die meisten Menschen ein Ticket, nehmen Platz, stoßen an, genießen das Menü – und unterstützen damit eine gute Sache. An diesem Abend lief es für mich anders: Ich war nicht Gast, sondern Teil des Serviceteams. Statt mich zurückzulehnen, bekam ich eine Einweisung in der Küche und eine Aufgabe, die man bei solchen Veranstaltungen sonst eher den Profis überlässt: mithelfen, servieren, abräumen – und dabei möglichst so wirken, als hätte ich das schon oft gemacht.

Eingeladen hatten Ira-Katharina Kauderer und ihr Vater Hans-Ulrich Kauderer ins Hotel Hirsch. Im großen Saal fand dort ein Benefizessen statt, dessen Erlös die Bürgerstiftung Ostfildern sowie den Hospizdienst Ostfildern e. V. unterstützte. Rund 80 Gäste hatten sich im Vorfeld ein Ticket gekauft: 100 Euro für ein Fünf-Gänge-Menü inklusive Getränken. Musik begleitete das Programm und sorgte dafür, dass zwischen den Gängen nicht einfach nur gewartet wurde, sondern eine Atmosphäre entstand, die festlich war, ohne steif zu wirken. Durch den Abend führte Jürgen Müller, Sportreporter, der das Programm moderierte und die Gäste durch die einzelnen Punkte begleitete.

Erst die Küche, dann der Saal

Für uns begann der Abend in der Küche. Wir bekamen erklärt, wie die Abläufe laufen, wer welche Aufgaben übernimmt und wie die Wege zwischen Küche und Saal funktionieren. Dann ging es direkt ans Praktische – womit ich nicht gerechnet hatte – ein Tellertraining. Wer als Gast im Saal sitzt, denkt selten darüber nach, wie viel Technik dahinter steckt, wenn ein Teller sicher, elegant und ohne zu schwanken ankommt. Wir probierten, wie man Teller hält, auch mehrere, und wie man sie absetzt, ohne dass es hektisch wirkt. Dazu kam eine sehr konkrete Herausforderung: Die Teller waren merklich heiß. Man konnte sie mit bloßer Hand tragen, aber es war spürbar unangenehm warm. Einige halfen sich zusätzlich mit einer Serviette.

Während die Gäste im Saal ankamen, Platz nahmen und sich auf den Abend einstimmten, mussten wir uns im Raum orientieren. Die Tische waren nummeriert: Im großen Saal gab es zum Beispiel einen Tisch mit der Nummer 40; im Nebenraum waren die Tische hingegen schlicht von 1 bis 4 nummeriert. Das klingt einfach – ist es aber nur so lange, bis man mit heißen Tellern in der Hand losgeht und trotzdem ohne Zögern am richtigen Tisch stehen möchte. Dann kamen die ersten Runden: Sekt servieren, Gläser reichen, aufmerksam sein, ohne aufdringlich zu wirken. Für die Gäste war das der entspannte Auftakt, für uns war es der Beginn eines Takts, der den ganzen Abend bestimmen sollte.

Der Takt aus der Küche

Der erste Gang war eine Suppe. Im Saal begann für viele damit der kulinarische Teil, begleitet von Gesprächen und Musik. Hinter den Kulissen arbeitete die Küche bereits in einem Rhythmus, der beeindruckend präzise wirkte. Uns fiel schnell auf, wie ein Teller entsteht, wenn viele Portionen gleichzeitig fertig werden müssen: Nicht eine Person richtet „einen Teller“ komplett an, sondern mehrere arbeiten Hand in Hand. Einer platziert die Beilage, der nächste das Fleisch, ein anderer die Sauce – Handgriff für Handgriff. Bei jeder Ausgabe standen oft rund 15 Teller auf einmal bereit. Dann ging es für uns los wie in einer Welle: aufnehmen, richtig zuordnen, raus in den Saal, servieren, zurück. Es fühlte sich fast wie Akkordarbeit an – nicht im Sinne von Hektik, sondern als konsequent getaktetes Zusammenspiel, damit am Ende alle gleichzeitig essen können.

Zwischen den Gängen erlebten die Gäste den Abend in Ruhe. Sie hatten Zeit für Gespräche, konnten die Musik wirken lassen, man sah viele zufriedene Gesichter und diese besondere Stimmung, die entsteht, wenn ein guter Zweck und ein gutes Erlebnis zusammenkommen. Ein wichtiger Hintergrund war dabei, dass der Abend von viel Unterstützung getragen wurde: Lieferanten spendeten Ware, andere Unterstützer spendeten Geld. Gerade bei einem Benefizessen macht das einen Unterschied – weil dadurch nicht jeder Bestandteil „vom Ticketpreis“ leben muss, sondern weil ein Netzwerk aus Helfenden dazu beiträgt, dass am Ende mehr für den Zweck bleibt.

Wenn Abräumen knifflig wird

Für uns wechselte der Abend ständig zwischen Servieren und Abräumen. Und beim Abräumen wartete die nächste Lektion: Das Besteck lag oft noch auf dem Teller, und genau das machte es knifflig. Man möchte nichts klappern lassen, nichts verrutschen, nichts fallen lassen – und trotzdem zügig bleiben. Es sind die kleinen Details, die man als Gast kaum wahrnimmt, die im Service aber darüber entscheiden, ob etwas souverän aussieht oder nach Improvisation.

Teil des Serviceteams waren unter anderem Manuel Späth, der ehemalige Handballer, die Landtagsabgeordneten Andreas Deuschle und Dennis Birnstock sowie Pfarrer Dr. Tobias Eisler von der Evangelischen Kirchengemeinde Ruit und Jürgen Müller, Sportreporter. Das Besondere daran war weniger der „Promi-Faktor“, sondern dass alle in derselben Rolle steckten: Teller tragen, Wege lernen, im richtigen Moment am richtigen Tisch stehen. Titel spielten plötzlich keine Rolle – der Ablauf schon.

Zwei Trikots, viele Gebote

Zwischendrin gab es einen Programmpunkt, der die Benefizidee noch einmal greifbar machte: Zwei Trikots wurden versteigert. Manuel Späth hatte eines dabei, außerdem gab es ein VfB-Trikot mit den Unterschriften des aktuellen Teams. Im Saal stieg sofort die Spannung. Man merkte, wie aus einem schönen Abend auch ein Moment des Mitmachens wird: Gebote, Applaus, Lachen – und am Ende die klare Botschaft, dass jeder zusätzliche Euro direkt dem Zweck zugutekommt.

Irgendwann durften wir auch selbst essen, allerdings anders als die Gäste. Während sie die Gänge nacheinander genießen konnten, lief es für uns eher im Wechsel: servieren, kurz essen, wieder raus, abräumen, weiter. Genau dadurch bekam der Abend für mich eine zusätzliche Ebene. Man erlebt nicht nur, was auf den Tellern passiert, sondern auch, was nötig ist, damit ein Fünf-Gänge-Menü für einen vollen Saal wirklich funktioniert.

Ein Abend, der nach Wiederholung klingt

Als gegen Ende alles ruhiger wurde, blieb der Eindruck eines rundum stimmigen Abends. Die Gäste wirkten begeistert, viele kamen ins Gespräch, man sah bekannte und neue Gesichter, Gruppen mischten sich. Und genau das machte es so besonders: Es war nicht nur ein Essen, sondern ein gemeinsames Erlebnis, bei dem man spürte, dass hier viele Menschen an einem Strang ziehen – die Küche, die Unterstützer, das Serviceteam und die Gäste. Und wenn es eine Veranstaltung gibt, bei der man beim nächsten Mal nicht nur gern wieder dabei wäre, sondern auch wieder mithelfen würde, dann war es diese. Denn egal, ob man als Gast am Tisch saß oder im Service unterwegs war – am Ende blieb bei allen derselbe Eindruck: Wer an diesem Abend nicht dabei war, hat etwas verpasst.

Jan Weiss
Author: Jan Weiss

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