Ein Abend im Juni, das Landschaftsarchitekturbüro von „von K“ in Ostfildern und eine ungewohnte Zutat in der Unternehmerwelt: radikale Ehrlichkeit. Wenn Selbstständige aufhören, sich gegenseitig zu bespiegeln, und anfangen, Tacheles zu reden, entsteht etwas, das im harten Business-Alltag selten geworden ist: ein Austausch mit echtem Mehrwert.
Wer kennt sie nicht, die klassischen Netzwerk-Veranstaltungen? Man nippt am Glas, tauscht Visitenkarten aus und erzählt sich gegenseitig, wie fantastisch die Geschäfte laufen. Höher, schneller, weiter – das ist die Währung der Wirtschaft. Doch als der Bund der Selbstständigen (BDS) Ostfildern-Nellingen im Juni zum Format „Open Office“ einlud, passierte etwas anderes.
Gastgeber und BDS-Vorstandsmitglied Tobias von Kortzfleisch öffnete in den Räumen von „von K“ nicht nur die Türen, sondern auch das Visier. In einer ungewohnt offenen Art gab er Einblicke in sein eigenes Geschäft und sprach über das, worüber man sonst nur nachts um drei mit der Zimmerdecke redet: über schlaflose Nächte, die Last der Verantwortung für ein gewachsenes Team und das Gefühl, trotz prall gefüllter Auftragsbücher manchmal nicht zu wissen, wie man am nächsten Morgen alle Bälle in der Luft halten kann.
Dieser Impuls wirkte wie ein Katalysator. Es entstand ein offener Austausch auf absoluter Augenhöhe unter den anwesenden Selbstständigen aus Ostfildern, der schnell über eine reine Firmenpräsentation hinausging und genau die Themen traf, die uns alle bewegen – jenseits von Branchengrenzen.
Die Illusion der perfekten Planung und der „Freund Zufall“
Ein großes Thema der Runde war die Erkenntnis, dass selbst die besten Fünf- oder Zehnjahrespläne in der Realität oft wie Kartenhäuser kollabieren. Ob plötzliche Markteinbrüche im privaten Sektor oder globale Krisen – der Markt schert sich nicht um Meilensteine.
Interessant war jedoch das gemeinsame Learning: Erfolg entsteht oft genau dort, wo Pläne scheitern und man flexibel auf den Zufall reagiert. Wer mutig genug ist, sich in neue, völlig branchenfremde Themen reinzufuchsen – und sei es mit Hilfe von KI oder dem gezielten Erschließen neuer, öffentlicher Auftraggeber –, verwandelt die Krise plötzlich in das nächste große Standbein. Flexibilität schlägt Starrheit.
Die Kunst, Kunden zu begegnen und „Nein“ zu sagen
Ein Fehler, den fast jeder in der Selbstständigkeit schon gemacht hat: Jeden Auftrag annehmen, um den Umsatz zu pushen oder das Ego zu füttern – oft zu Dumpingpreisen oder mit dem Bauchgefühl, dass Ärger vorprogrammiert ist. In der Runde wurde schnell klar, dass das der Weg in einen Teufelskreis ist, der wenig bringt und mehr schadet.
Der wertvollste Tipp des Abends drehte sich um das Thema: Kundenbeziegung auf Augenhöhe. Heute wird im Erstgespräch ganz offen über Budgets gesprochen. Schockt den Kunden die Realität, spart man sich die Zeit für aufwendige Angebote. „Wir haben nichts zu verlieren, außer ein Nein zu bekommen“, hieß es treffend aus der Runde. Angebote werden zunehmend durch Pauschalbausteine und Standardisierungen radikal vereinfacht, um den Zeitaufwand im Büro zu minimieren.
Schlüssel zum Erfolg: Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen
Ab einer bestimmten Mitarbeiterzahl kollabieren rein informelle Strukturen. Ein Kunde ruft an, Mitarbeiter A nimmt auf, Mitarbeiter B hat frei, Mitarbeiter C weiß von nichts – am Ende landet das Problem beim Chef.
Der Austausch zeigte: Eine der wichtigsten Aufgaben im Wachstum ist es, Verantwortung bewusst zu teilen. Delegieren bedeutet, Vertrauen zu schenken, Entwicklung zu ermöglichen und Raum für neue Perspektiven zu schaffen — auch wenn der eigene Anspruch an Perfektion manchmal herausgefordert wird. Durch den Blick von außen, sei es durch Unternehmensberater, Coaches oder eben Kollegen im Netzwerk, lernen Selbstständige, vom „Mädchen für alles“ zum Strategen am eigenen Unternehmen zu werden.
Radikale Transparenz als Entlastung
Muss der Chef immer die unnahbare One-Man-Show sein? Die einhellige Meinung an diesem Abend: Nein. Transparenz – auch dem eigenen Team gegenüber, was Zahlen, Krisen und Auslastung angeht – nimmt Druck vom Kessel. Ein guter Fußballspieler spielt nur dann gut, wenn er den Spielstand kennt. Wer sein Team einweiht, findet gemeinsam Lösungen und hält die Mannschaft auch in stürmischen Zeiten zusammen.
Fazit: Ein Hoch auf Netzwerken ohne Maske
Der Abend bei „von K“ hat gezeigt: Wir kämpfen alle mit den gleichen Herausforderungen – egal ob Handwerk, Dienstleistung oder Planung. Der offene Austausch in Ostfildern war für alle Beteiligten extrem gewinnbringend, weil er den Druck herausgenommen hat. Wenn wir aufhören zu blenden und anfangen, uns gegenseitig bei Fehlern, Ängsten und Learnings zu unterstützen, gehen wir alle ein bisschen gestärkter in den nächsten Arbeitstag. Und schlafen nachts vielleicht eine Stunde ruhiger.

