Es ist ein Freitagnachmittag auf einer Streuobstwiese bei Ostfildern-Nellingen. Zwischen den alten Apfelbäumen stehen drei Generationen: der Opa, der Vater, der Onkel und der Sohn. Ihre Aufgabe an diesem Tag: die letzten Äpfel der Saison von den Bäumen zu schütteln, sie aufzusammeln und später zu Saft oder Most zu verarbeiten. Der Duft von Herbst liegt in der Luft. Die Helfer tragen volle Kisten mit Obst zum Anhänger des Traktors, während beim Auflesen sorgfältig sortiert wird – gute Äpfel für die Verarbeitung, faulige für den Kompost.
Drei Mal pro Woche sind sie in der Erntezeit hier draußen – nach Feierabend oder an freien Tagen. Der Junge erzählt stolz, wie er mit seinem Vater auf dem Traktor sitzt, die Äpfel einsammelt und am liebsten gleich mehrere davon an einem Mittag verputzt. Wer mithilft, merkt schnell: Das ist nichts für den Rücken – man arbeitet in der Hocke, mit schmutzigen Händen. Doch inmitten dieser Mühe liegt etwas Bodenständiges, etwas, das an frühere Zeiten erinnert.
Während wir gemeinsam Äpfel auflesen, erzählt der Vater, dass sich diese Arbeit längst nicht mehr rechnet. Für ein Kilo Äpfel gibt es kaum mehr als 15 Cent. Die Kosten für Pflege, Maschinen und Instandhaltung übersteigen das, was am Ende herauskommt, deutlich. „Es erhält unsere wunderschöne Kulturlandschaft und die Streuobstwiese ist die Heimat von vielen Tieren, Insekten und Blumen sowie von längst vergessen Obstsorten.“


Früher war der Obstbau Teil der Selbstversorgung. Auf den Wiesen wuchs nicht nur Obst, sondern auch Futter fürs Vieh. Heute sind viele dieser Flächen nur noch hobbymäßig in Nutzung. Wer keine Freude mehr daran hat, lässt die Flächen verwildern. „Wenn du keinen Spaß mehr an der Arbeit hast, dann machst du’s irgendwann nicht mehr“, sagt der Opa leise.
Trotzdem ist allen klar, dass die Streuobstwiesen mehr sind als ein Stück Land. Sie prägen das Bild der Region, spenden Schatten, bieten Lebensraum für Tiere und tragen dazu bei, dass die Landschaft so schön aussieht, wie sie aussieht. „Wenn du hier einmal rumguckst“, sagt der Vater, „siehst du, wie wertvoll das ist. Aber das bleibt nur so, wenn jemand auch etwas dafür tut.“
Er wünscht sich, dass mehr Menschen diesen Zusammenhang erkennen. Viele loben zwar die schöne Landschaft, kaufen aber ihre Äpfel und ihren Saft im Supermarkt – dort, wo es günstiger ist. „Alle loben die schöne Landschaft – aber die Produkte, die sie erhält, bleiben liegen, während im Supermarkt zum Billigsaft gegriffen wird“, fasst er es zusammen.

Am Ende des Tages wird noch einmal geschüttelt, gesammelt und gelacht. Die Sonne steht schon tief, das Gras ist feucht. Die letzten Äpfel landen auf dem Anhänger – schwer, klebrig, süß. Was bleibt, ist mehr als Saft: Es ist das Bewusstsein, dass Tradition, Familie und Landschaftspflege zusammengehören – und dass Idealismus manchmal der wichtigste Antrieb ist, um etwas Schönes zu erhalten.

