Am 30. Juli 2025 wurde im Gemeinderat der Stadt Ostfildern ein umfassender Zwischenbericht zum Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder vorgestellt. Der Bericht beschreibt, wie sich die Stadt auf den ab dem Schuljahr 2026/2027 geltenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung vorbereitet und welche Maßnahmen in den kommenden Jahren geplant sind.
Der Gemeinderat hat den Bericht zur Kenntnis genommen und die darin formulierten Ziele bestätigt. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die rechtlichen Grundlagen, die geplanten Modelle in Ostfildern sowie konkrete Beispiele und Einschätzungen aus der kommunalpolitischen Diskussion.
Worauf Eltern Anspruch haben
Ab dem Schuljahr 2026/2027 haben alle Kinder, die in die erste Klasse eintreten, einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung. Dieser Rechtsanspruch wird schrittweise auf alle Klassenstufen ausgeweitet und gilt ab dem Schuljahr 2029/2030 vollständig für alle Grundschüler. Die Betreuung soll an fünf Werktagen pro Woche jeweils acht Stunden umfassen – einschließlich Unterricht – und darf höchstens 20 Schließtage im Jahr aufweisen. Eltern entscheiden selbst, ob sie dieses Angebot nutzen möchten. Es besteht keine Verpflichtung zur Teilnahme.
Worauf Eltern keinen Anspruch haben
Der Rechtsanspruch bezieht sich ausschließlich auf den Umfang der Betreuung, nicht jedoch auf eine bestimmte Schulform oder einen bestimmten Standort. Eltern haben keinen Anspruch darauf, dass das gewünschte Modell – etwa eine Halbtagsgrundschule mit ergänzendem Hort oder eine Ganztagsschule in Wahlform – im eigenen Stadtteil angeboten wird. Auch die Schulform selbst (verbindlich oder offen) unterliegt nicht dem individuellen Wahlrecht. Wird vor Ort nur ein bestimmtes Modell angeboten, haben Familien die Möglichkeit, alternative Angebote in anderen Stadtteilen zu wählen.
Umsetzung in Ostfildern
Die Stadt Ostfildern hat ein Gesamtkonzept zur Umsetzung des Rechtsanspruchs entwickelt. Ziel ist es, an jedem der sechs Stadtteile ein bedarfsgerechtes Bildungs- und Betreuungsangebot zu schaffen. Bereits jetzt gibt es an mehreren Standorten ein Ganztagsangebot, das teilweise durch Horte oder Kernzeitbetreuung ergänzt wird. Bis zum Schuljahr 2027/2028 sollen vier Schulen im Stadtgebiet als Ganztagsschulen arbeiten: die Grundschule Ruit, die Lindenschule in der Parksiedlung, die Schule im Park im Scharnhauser Park sowie die Pfingstweideschule in Kemnat. Die übrigen Standorte – etwa in Nellingen und Scharnhausen – verfügen bislang über Halbtagsstrukturen mit ergänzender Betreuung.
Was ist eine verpflichtende Ganztagsschule? Welche Modelle gibt es sonst?
Ganztagsschulen können entweder als verbindliche Ganztagsschule oder in Wahlform geführt werden:
- Verbindliche Ganztagsschule: Alle angemeldeten Kinder nehmen an der ganztägigen Betreuung teil. Diese ist Teil der Schulpflicht.
- Ganztagsschule in Wahlform: Eltern entscheiden bei der Anmeldung, ob ihr Kind ganztags oder nur halbtags unterrichtet wird.
Darüber hinaus existieren ergänzende Betreuungsangebote wie Horte oder Kernzeitbetreuung. Diese werden insbesondere an Halbtagsgrundschulen angeboten, zählen jedoch meist nicht vollständig zur Erfüllung des Rechtsanspruchs, da sie nicht an allen Tagen den geforderten Umfang abdecken. Hier soll nachgesteuert werden.
Die Stadt Ostfildern verfolgt das Ziel, künftig möglichst viele Ganztagsschulen in verbindlicher Form anzubieten. An der Grundschule Ruit ist dies konkret für das Schuljahr 2027/2028 vorgesehen. Auch für die Lindenschule wird eine Umwandlung geprüft. Die Schule im Park und die Pfingstweideschule starten zunächst in Wahlform, mit der Perspektive auf eine spätere Verbindlichkeit. An anderen Standorten wie der Klosterhofschule in Nellingen ist eine Umwandlung baulich nicht möglich.
Die Entscheidung über eine Umwandlung zur Ganztagsschule wird im Dialog mit Schulleitung und Eltern vorbereitet und auf Grundlage von Bedarfsanalysen getroffen. Vor einer Entscheidung finden Bedarfsumfragen statt, deren Ergebnisse in die Planungen zur Schulform einfließen. So sollen pädagogische Qualität, Familienbedürfnisse und Machbarkeit gemeinsam abgewogen werden.
Beispiel: Wenn das gewünschte Modell nicht verfügbar ist
Im Stadtteil Nellingen gibt es zwei Grundschulen: die Erich-Kästner-Schule (EKS) und die Klosterhofschule. Sollte die EKS künftig als Ganztagsschule in verbindlicher Form weiterentwickelt werden, könnten Familien, die dieses Modell nicht wünschen, weiterhin auf die Klosterhofschule ausweichen – diese bleibt vorerst Halbtagsgrundschule mit ergänzender Betreuung. Anders wäre die Lage, wenn es im Stadtteil keine Halbtagsoption mehr gäbe: In diesem Fall müssten Familien, die keine Ganztagsschule wünschen, auf Angebote in anderen Stadtteilen ausweichen.
Planung und Roadmap der Stadt
Das Gesamtkonzept zur Ganztagsbetreuung wurde gemeinsam mit Gemeinderatsmitgliedern in der Arbeitsgruppe „AG Ganztag“ erarbeitet. Es basiert auf abgestimmten Zielen und berücksichtigt sowohl räumliche Voraussetzungen als auch pädagogische Aspekte. Der Ausbau erfolgt schrittweise – beginnend mit Standorten, an denen bereits Infrastruktur vorhanden ist oder Bedarfe besonders hoch sind. Ziel ist es, für jeden Stadtteil ein passendes Angebot zu schaffen und dabei bestehende Betreuungsstrukturen wie Horte weiterzuentwickeln oder zu integrieren. Parallel arbeitet die Stadt an einem Personal- und Raumkonzept sowie an Lösungen zur Ferienbetreuung.
Stellungnahmen aus dem Gemeinderat
SPD-Fraktion – Stefanie Sekler-Dengler
Die SPD begrüßt das Konzept der Stadt und lobt die Kombination aus rechtlicher Verpflichtung und pädagogischem Anspruch. Besonders wichtig ist der Fraktion das Ziel der Bildungsgerechtigkeit, wohnortnaher Angebote und der Verlässlichkeit für Familien. Kritik übt sie an der ungleichen Verteilung: In Nellingen und Scharnhausen fehlt es weiterhin an Ganztagsplätzen, obwohl dort hoher Bedarf besteht. Die SPD fordert konkrete Maßnahmen für den Campus an der EKS, inklusive Umsetzung einer Ganztagsschule mit Mensa. Auch für das SBBZ seien verbindliche Lösungen nötig. Die verbindliche Ganztagsschule wird als pädagogisch sinnvoll angesehen, muss aber im Dialog mit Eltern und Fachkräften umgesetzt werden. Besonders wichtig sei die Qualifikation des Personals und die Einbindung der bestehenden Kräfte durch Weiterbildungen. Die SPD unterstützt den eingeschlagenen Weg und fordert regelmäßige Berichte zur Umsetzung.
Freie Wähler – Markus Dinkelacker
Die Freien Wähler sehen im Konzept der Stadt eine gut abgestimmte Strategie, die rechtliche Anforderungen mit örtlichen Bedingungen in Einklang bringt. Besonders positiv wird der Fokus auf Bildungsgerechtigkeit und Familienfreundlichkeit bewertet. Wichtig sei, dass die verschiedenen Schulformen – Ganztag in Wahlform oder verbindlich – flexibel eingesetzt werden und zu den jeweiligen Stadtteilen passen. Die Fraktion lobt die Verzahnung zwischen Schule und außerschulischer Betreuung und betont, dass unterschiedliche Modelle Ausdruck eines modernen Bildungsverständnisses seien. Die Freien Wähler unterstützen die Weiterentwicklung mit Augenmaß und wollen die Umsetzung weiterhin konstruktiv begleiten.
CDU Fraktion – Sonja Fleischhacker
Sonja Fleischhacker von der CDU hebt hervor, dass Ostfildern bereits heute die Anforderungen an den Rechtsanspruch erfüllt. Sie begrüßt das Ziel, in jedem Stadtteil eine Ganztagsschule zu etablieren, sieht aber auch die Notwendigkeit, auf die unterschiedlichen Bedarfe der Familien einzugehen. Die Umsetzung solle stets gemeinsam mit den Schulen erfolgen und auf die räumlichen Gegebenheiten Rücksicht nehmen. Besonders wichtig ist ihr, dass die Eltern nicht zur Nutzung des Angebots gezwungen werden – denn ein Anspruch sei keine Verpflichtung. Sie stimmt den formulierten Zielen der Stadt zu und nimmt den Zwischenbericht zur Kenntnis.

