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Auf ein Getränk mit … Oberbürgermeister Christof Bolay

20 Jahre OB Bolay: Tee, Themen und ein Blick nach vorn

Als ich Christof Bolay in seinem Büro in Ostfildern besuche, stehen bereits zwei Tassen und eine Thermoskanne auf dem Tisch. Darin: nicht einfach ein Tee, sondern eine besondere Mischung aus Kamille, Pfefferminz und Schwarztee – eine Kombination, die noch aus seiner Zeit im Ministerium stammt. „Die hat den Vorteil, dass man sie in jedem Aggregatzustand trinken kann“, sagt Bolay mit einem Lächeln. „Heiß, lauwarm oder kalt – passt immer.“

Anlass für das Treffen: 20 Jahre Christof Bolay als Oberbürgermeister von Ostfildern. Doch statt Pressekonferenz gibt es Tee, Gespräche – und einen Blick hinter die Kulissen.

Herr Bolay, wenn Sie an Ihren ersten Arbeitstag zurückdenken – was war damals Ihr Antrieb?

Ich hätte theoretisch noch viele Jahre im Ministerium weitermachen können – das wäre kein Problem gewesen. Ich war im baden-württembergischen Wirtschaftsministerium tätig. Aber irgendwann war für mich klar: Ich möchte etwas gestalten, Verantwortung übernehmen.

Kommunalpolitik hat mich interessiert – doch ich habe mir drei Kriterien gesetzt.

Erstens: Es sollte eine echte Neuwahl sein – ich wollte nicht gegen einen Amtsinhaber antreten. Zweitens: Die Aufgabe musste zu mir passen. Ich bin kein klassischer Verwaltungsmensch, kein Jurist, kein Volkswirt. Was ich mitbringe, sind Fähigkeiten in Koordination, Delegation, Ideenentwicklung und darin, Menschen zusammenzubringen. Drittens: Der Ort sollte stimmen. Ostfildern hat mir sofort gefallen – an manchen Stellen noch dörflich, in der Gesamtheit aber eine richtige Stadt. Ich bin damals einfach mal hingefahren, ein bisschen herumgelaufen, habe mir einen Leberkäswecken gekauft – die Leute waren bemerkenswert freundlich. Da dachte ich: Das könnte passen.

Wie gelingt es Ihnen, bei so vielen Meinungen und Interessen den Überblick und die Geduld zu behalten?

Überblick behält man am besten, wenn man sich eine eigene Struktur gibt. Ich arbeite da ganz pragmatisch – die gute alte Wiedervorlage hilft enorm. Themen ansprechen und nach ein paar Wochen gezielt nachfragen, was daraus geworden ist. Ein gutes Gedächtnis schadet dabei nicht. Und eine gewisse innere Gelassenheit.

Herr Rösch (Vorgänger von Herr Oberbürgermeister Bolay; Anmerkung der Redaktion) hat mal gesagt: Als Oberbürgermeister ist man für acht Jahre automatisch die Nummer eins in der Stadt – und das muss man niemandem beweisen. Denn da kam so ein blutjunger Kerl – und hier waren gestandene Mitarbeiter, die schon einiges mitgemacht hatten. Und trotzdem war ich automatisch ihr Chef. Mit diesem Wissen konnte ich dann anders auftreten. Nicht so nach dem Motto: „Hoppla, jetzt komm ich“, sondern eher: „Wir setzen uns zusammen.“

Ein kleines Beispiel: Wir haben im Haus einen Besprechungsraum, in dem sich einmal im Monat die Führungskräfte treffen. Am Anfang dachte ich: Ich setze mich bei jeder Sitzung an einen anderen Platz – einfach als Perspektivwechsel. Aber das hat sich schnell verselbstständigt. Beim dritten Mal hieß es: „Ihr Platz ist da vorne.“ Und dann war für mich klar – wenn es den Kolleginnen und Kollegen wichtig ist, dann machen wir es so.

Dinge ausprobieren – ja. Aber auch zuhören und anpassen – das gehört für mich genauso dazu.

Wie oft begegnen Ihnen Menschen im Supermarkt mit Anliegen? Und wie gehen Sie damit um, wenn Sie eigentlich nur schnell Milch holen wollten?

Ich wohne mitten unter den Leuten – und ich gehe auch weiterhin ganz normal einkaufen. Die Leute schauen dann schon, was in meinem Einkaufswagen liegt – da ist auch „gut & günstig“ dabei.

Ich werde oft angesprochen, meistens mit einem freundlichen „Gut, dass ich Sie treffe“. Dann ergibt sich ein kurzes Gespräch. Die meisten respektieren, dass ich in Begleitung – etwa mit meiner Frau oder meiner Familie – als Privatperson unterwegs bin und äußern ihr Anliegen ein anderes Mal.

Aber klar: Sobald ich die Haustür verlasse, bin ich eine öffentliche Person. Eine genaue Zahl gibt es nicht, aber ich schätze, meine Bekanntheit in Ostfildern liegt inzwischen bei rund 90 Prozent. Das gehört dazu – und ich komme gut damit zurecht.

Welche Musik läuft bei Ihnen im Auto – eher Podcast oder Lieblingslied?

Zum Leidwesen meiner Kinder: Deutschlandfunk. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, ist das jedes Mal ein Diskussionsthema – die verliere ich meistens. Wenn ich alleine fahre, höre ich sehr gern Deutschlandfunk – oder einfach mal gar nichts. Ich mag auch die Ruhe dazwischen.

Ganz ehrlich: Wird Ihnen der Abschied vom Amt schwerfallen? Oder freuen Sie sich auch auf neue Kapitel?

Politische Ämter sind immer Verantwortung auf Zeit – das war mir von Anfang an klar. Niemand kann wissen, ob er nach acht Jahren wiedergewählt wird, oder nach sechzehn.
Ob ich über die aktuelle Amtszeit hinaus weitermache, ist offen – das ist keine Entscheidung, die ich heute treffen muss. Aber ich weiß: Wenn in vier Jahren Schluss sein sollte, dann ist das für mich völlig in Ordnung.

Ich habe genug, was mich erfüllt: Ich lese gern, fahre mit dem E-Bike durch die Gegend, arbeite im Garten – ich komme mit mir selbst gut zurecht. Klar wird es ein Einschnitt. In so einem Amt kann man sich nicht peu à peu zurückziehen – im Gegenteil: Die letzten Wochen läuft alles nochmal auf Volldampf. Viele Kolleginnen und Kollegen haben mir erzählt, dass es schwer sein kann, in den normalen Alltag zurückzufinden.

Aber ich kann heute schon sagen: Ich buche meine Bahnfahrt selbst – das kriegen nicht alle hin (lacht). Ich bin zuversichtlich, dass ich meinen Weg finde.

Und zum Schluss: Vervollständigen Sie bitte diesen Satz – Ostfildern ist für mich…

…Heimat.


Vielen Dank an Oberbürgermeister Christof Bolay für das offene Gespräch – und für die Tasse Tee.

Jan Weiss
Author: Jan Weiss

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