Wie wurde Ostfildern eigentlich Ostfildern? Diese Frage stand am Dienstagabend im Mittelpunkt einer besonderen Veranstaltung in der EVENTLOCATION Herzog Karl. Die Freien Wähler Ostfildern e. V. versammelten Zeitzeugen auf dem Podium – und aufmerksame Zuhörer im voll besetzten Saal – um 50 Jahre Stadtgeschichte lebendig werden zu lassen.
Von der Reform zur Kreisstadt
Den offiziellen Teil eröffnete Stadtarchivar Jochen Bender mit einem kenntnisreichen Impulsreferat über die Entstehung Ostfilderns: Der Zusammenschluss der vier Gemeinden Nellingen, Ruit, Kemnat und Scharnhausen im Jahr 1975 war kein Selbstläufer, sondern das Ergebnis politischer Weitsicht – und in Teilen auch mühsamer Überzeugungsarbeit. Bereits 1976 wurde Ostfildern zur Großen Kreisstadt erhoben.
Persönliche Perspektiven mit lokalem Kolorit
Auf dem Podium teilten Persönlichkeiten ihre Erfahrungen, die die Stadt mitgeprägt haben:
- Herbert Rösch, Oberbürgermeister a. D. und Ehrenbürger, erinnerte sich an die Aufbaujahre als erster Bürgermeister der neuen Stadt.
- Werner Schmidt, SPD-Stadtrat a. D. mit Mandaten seit den frühen 1970ern, erzählte mit feinem Humor von politischen Meilensteinen.
- Theo Hartmann, langjähriger Stadtrat der Freien Wähler (1988–2019), brachte nicht nur politische Details ein, sondern würzte seine Ausführungen mit Humor.
- Und Theo Rich, das „Ruiter Urgestein“, sorgte mit Geschichten in schwäbischer Mundart und viel Charme für eine heitere Note.
„Ich bin gebürtiger Nellinger – und man hatte damals halt in jedem Ort alles: Sportverein, Gesangverein, Feuerwehr. Da gab’s keinen Grund, nach Kemnat zu fahren. Und wenn man sich dann doch mal auf den Weg machte, fuhr man entweder obenrum oder untenrum – aber nie rein.“





Bürgerengagement als prägender Motor
Ein besonders eindrückliches Beispiel für das frühe bürgerschaftliche Engagement war der Rückblick auf das Samariterstift. Noch bevor offizielle Mittel bereitstanden, wurden in der Stadt Spenden gesammelt – was man heute wohl als Crowdfunding bezeichnen würde. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger unterstützten das Vorhaben, weil sie den Bedarf sahen – und weil der Wunsch groß war, etwas für die ältere Generation zu schaffen.
Herausragend war das Engagement einer Ostfildernerin, die nicht nur spendete, sondern schließlich ihr gesamtes Vermögen in eine Stiftung einbrachte, um das Projekt dauerhaft zu fördern. „Das war unser erstes Leuchtturmprojekt – da haben wir gemerkt, dass wir Großes nur miteinander schaffen. Und wenn man etwas gemeinsam auf die Beine stellt, kann man mit Stolz sagen: Das ist unser Werk.“
Ebenso eindrücklich: das Jugendhaus im Scharnhauser Park. Was heute selbstverständlich wirkt, war einst ein politisch und finanziell gewagtes Projekt. Jugendliche forderten einen Treffpunkt, der Gemeinderat setzte sich dafür ein. „Der Regierungspräsident war bei der Eröffnung und sagte: So etwas habe er bisher nur in Boston oder Paris gesehen.“ Bis heute gilt das Jugendhaus als Beispiel dafür, wie Beteiligung und gute Planung zu einem bleibenden Erfolg führen können.
Wie der Name „Ostfildern“ entstand
Ein Highlight war der Rückblick auf die Namenssuche in den 1970er-Jahren. Im Rahmen eines öffentlichen Wettbewerbs wurden zahlreiche kreative – teils skurrile – Vorschläge eingereicht: „Filderpark“, „Körschfelden“, „Helikopta“ – oder auch eine kunstvolle Silbenkombination wie ‚Nel-Scha-Kem-Rui‘ – das war alles dabei.“ Letztlich setzte sich der sachliche und geografisch passende Name „Ostfildern“ durch – bis heute prägend und identitätsstiftend.
Herausforderungen der 1990er-Jahre
Nicht vergessen wurden auch die finanziell schwierigen Jahre: Sparmaßnahmen, Strukturwandel und eine kritischere Haushaltsführung prägten die 1990er. „Wir hatten damals drei Hallenbäder – pro Kopf mehr als Stuttgart. Und schnell wurde klar: Das ist nicht dauerhaft finanzierbar.“ Während einige Bäder geschlossen wurden, konnte das kleine Hallenbad in Kemnat dank ehrenamtlicher Initiative erhalten bleiben – ein Beispiel für Bürgersinn, der bis heute Wirkung zeigt.
Fazit
Die Veranstaltung war weit mehr als ein nostalgischer Rückblick. Sie zeigte: Ostfildern ist nicht einfach entstanden – es wurde gestaltet. Von Menschen, mit Mut, mit Ideen und mit dem Glauben an die gemeinsame Sache.
Nach dem offiziellen Teil begannen viele Gäste, sich bei Getränken und Gesprächen über ihre eigenen Erinnerungen auszutauschen. Geschichten wurden verglichen, Entwicklungen diskutiert – und so wurde das gemeinsame Erleben fortgeschrieben. Eine Anekdote stach besonders hervor:„Ich bin nie umgezogen – aber meine Adresse hat sich in 50 Jahren dreimal geändert.“
Die vergangenen 50 Jahre waren ein Weg, den viele mitgegangen sind – und der Abend in der EVENTLOCATION Herzog Karl hat diesen Weg noch einmal greifbar gemacht.

